Die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka hat den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache erhalten. In ihrer Preisrede plädiert sie jetzt für mehr Klartext in Reden und bei Fernsehauftritten von Politikern. Die Frankfurter Allgemeine veröffentlich den Wortlaut der Rede auf ihrer Website.
Die Kunst der klaren Rede
16. Mai 2012Ausgerechnet: Top-Manager im Rede-Test
09. Mai 2012“Streng wissenschaftlich” werden jetzt die Reden deutscher DAX-Chefs unter die Lupe genommen. Wie das Handelsblatt berichtet, rückt der Hohnheimer Kommunikationswissenschaftler Prof. Frank Brettschneider den Hauptversammlungs-Ausführungen der “Big 30″ mit einem umfangreichen Katalog von Pflicht- und Kür-Kriterien zu Leibe: Verständlich und gut verdaulich sollen die Reden sein, aber auch stilistisch überzeugend und vor allem: glaubwürdig.
Zur Halbzeit des HV-Schaulaufens fällt die Bilanz des Professors eher ernüchternd aus. Eigentlich kann’s keiner so richtig – lautet der Befund nach Auszählung und Analyse von Satzlängen, Fremdworten, Blickkontakten und ähnlichen Indikatoren, die sich “streng wissenschaftlich” zählen, messen oder wiegen lassen. Wer allerdings einer deutschen Hauptversammlung jemals beigewohnt hat oder das rhetorische Treiben der Wirtschaftselite außerhalb dieser Pflichtveranstaltung beobachtet, wird von diesen Erkenntnissen kaum überrascht sein. Denn in den Vorstandsetagen der deutschen Wirtschaft (und deshalb meist auch in den Etagen darunter) gilt in Sachen Kommunikation weiterhin das Diktum des ehemaligen Bahnchefs: “Ich bin Mehdorn. Kein Industrieschauspieler.”
Gute Rhetorik gilt deutschen Führungskräften als das Gegenteil von faktenorientierter “Wahrheit”, mithin als eine Form der “arglistigen Täuschung” oder “bösartigen Verstellung”. Und so etwas ist natürlich verboten – in Deutschland erst Recht. Das Ergebnis dieser Kette von Missverständnisse ist dann auf den Tribünen der Aktionärsversammlungen zu besichtigen. Wer daran etwas ändern will, tut sicher gut daran, die Analyseergebnisse aus dem Hause Brettschneider genauestens zu studieren. Die dort ausgerechneten Ergebnisse werden sicher manchem die Augen öffnen.
Dennoch: Die höchsten Hürden müssen erst danach genommen werden. Denn wer sagt denn, dass ein deutscher Vorstandsvorsitzender überhaupt mit Bewusstsein anstrebt, was der Kommunikationsprofessor (zutreffend) als das Ziel und Wesen aller rhetorischen Mühen unterstellt: Den Appell an Geist UND Gefühl, Kopf UND Herz der Zuhörer? Wer vor allem sagt, dass die Redner dafür bereit sind zu investieren, was zu diesem Zweck unverzichtbar ist: das EIGENE Gefühl, die EIGENE Leidenschaft für die Sache (die ja im Falle der Hauptversammlung streng genommen sogar die “gemeinsame Sache” von Redner und Zuhörer ist, sofern beide Seiten Aktien des Unternehmens besitzen). Und wer vor allem sagt, dass genau dies ein Leichtes sei: solches Gefühl – sofern auffindbar – dann auch überzeugend dar- und auszustellen? In der Tat: Das ist viel verlangt, zu viel vielleicht für Faktenmenschen, die sich auf dem ungewohnten Parkett der Emotionen eher tastend voran bewegen.
Foto: Pressefoto Daimler.de
Von Feuerwerk bis Präsidenten-Alltag
09. Mai 2012>
Die Frankfurter Rundschau berichtet über die “große” und “kluge” Rede von Bundespräsident Gauck in den Niederlanden. Gauck erinnerte darin an die Befreiung des Landes von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg am 5. Mai 1945.
Die Rede – so die Frankfurter Rundschau – habe “streckenweise fast wie eine Vorlesung” geklungen, doch “überhaupt nichts Belehrendes” enthalten. Die “programmatische” Rede sei “eine Aufforderung an die Politik, in ihrem internationalen Handeln weniger pragmatischen als rechtlichen, moralischen und ethischen Grundsätzen zu folgen.” Das Bundespräsidialamt veröffentlichte die Rede im Wortlaut.
Allerdings könne auch Gauck nicht aus jeder Rede ein “Feuerwerk” machen, so die Rundschau weiter. Vielmehr sei auch Gauck mittlerweile im “Präsidenten-Alltag” angekommen.
Nun gelte es, “Botschafter zu empfangen und Orden zu verleihen; Staatsgäste zu begrüßen und Banketts zu geben; Antrittsbesuche zu absolvieren und Grußworte in großer Zahl zu halten. [...] Die Herkunft seiner Worte zum Verdienstorden für den DGB-Chef, zur Tagung des Ostseerates, zum Besuch im Stuttgarter Landtag oder zum Stipendienprogramm „Start“ ist der gleiche Redenschreibapparat des Präsidialamtes, dessen sich auch seine Vorgänger bedient haben. Viel Aufwand, wenig Resonanz”, meint die Zeitung.
Der König und die anderen
05. April 2012Jeder, der ein Buch über Rhetorik erfolgreich verkaufen will, weiß, dass möglichst schon im Titel, spätestens aber im Untertitel, ein Wort auf jeden Fall vorkommen sollte: Das Wort „Macht“. Auch die von Vazrik Bazil an dieser Stelle angestoßene Debatte dreht sich um die „Macht der Rede, des öffentlich geführten Wortes“ – übrigens keineswegs eine spezifisch deutsche Debatte. Die für ihre Redegewalt stets und vor allen anderen gelobten Angelsachsen kennen sie auch: die „power of great speeches“ oder „powerfull words“.
Diese „power“ wollen alle haben. Deshalb kaufen die Menschen entsprechend betitelte Bücher, die ihnen einen leichten Weg zu dieser Macht zu bahnen versprechen. Das allein lässt schon ahnen: „Die Macht der Rede“ bezeichnet mehr einen Wunsch als eine Wirklichkeit. Genauer: Sie bezeichnet eine Sehnsucht.
Menschen sehnen sich nach Macht, denn sie verspricht Geltung. Um sie zu erlangen, vertrauen manche auf geschliffene Waffen, manche auf die Waffe des geschliffenen Wortes. Ist das aber erlaubt? Folgt für solches Trachten nicht die Strafe auf dem Fuße? Lehrmeister Freud jedenfalls – geschult an den Phänomenen von Traum und Alptraum – wusste bereits: Gerade die größten Wünsche und Sehnsüchte machen uns insgeheim am meisten Angst. Dank ihrer werden wir uns selbst verdächtig.
Und so kommt es, dass auch die Vision vom (all!)mächtigen Wort so gut als Traum wie als Alptraum zu Tage tritt: Kaum traut sich einer was zu sagen, und sei es der neue Bundespräsident, folgt dem Entzücken das Entsetzen auf dem Fuße. Kaum formuliert der eine die Hoffnung auf wirkungsvolle Worte, malt der nächste das Schreckgespenst „belehrender“ und insofern „amtsanmaßender“ Ansprachen an die Projektionswand und bittet um Verschonung, besser noch: Schutz und Abwehr – so Alan Posener in seiner Entgegnung auf Bazil.
Das allerdings ist dann schon eine deutsche Besonderheit: Dass aus dem unbestritten legitimen rhetorischen Ur-Motiv des Überzeugen-Wollens schnell die ambivalente „Macht der Rede“ wird; und aus dieser „Macht“ dann noch schneller die als gänzlich illegitim geltende „Manipulation“. So kommt, quasi durch die Tapetentür im Historienzimmer, zusätzlich zur Traum- und Alptraum-Ambivalenz auch noch ein deutsches Trauma ins Spiel: das Sportpalast-Trauma. Es rührt sich in Rednern und Publikum gleichermaßen reflexartig beim Auftreten jeder Form von Pathos – schon deshalb hätte Obama bei uns keine Chance.
Dass all dies den Handelnden nur selten bewusst ist und dass es überdies weder mit der historischen noch mit der rhetorischen Wahrheit irgendetwas zu tun hat, ändert am Befund leider gar nichts. Denn weder hielt der damals extrem beliebte Berliner Gauleiter Goebbels vor den einbestellten Massen im Sport- und Grölpalast eine Manipulationsrede – von seinen tiefgläubigen Zuhörern musste keiner mehr manipuliert werden; noch ist überhaupt davon auszugehen, dass sich Menschen durch die „Macht des Wortes“ zu Dingen verleiten lassen, die sie nicht ohnehin zu tun, zu unterlassen oder zu glauben bereit waren, schon bevor der Redner redete.
Denn was genau ist eigentlich Macht? Die bis heute nicht grundlegend bestrittene Definition von Max Weber lautete: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“
Die Frage ist also: Wie steht es um die Chancen von Rede und Redner (sei er Bundespräsident oder Versicherungsverkäufer), eben mit Hilfe des Redens „den eigenen Willen“ durchzusetzen – womöglich sogar „gegen Widerstreben“? Und: Wenn es diese „Chance“ gibt: worauf beruht sie im rhetorischen Fall?
Zur ersten Frage: Die Chancen stehen schlecht. Bereits seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hat die Sprachwissenschaft den Machtmythos rund um’s gesprochene Wort entzaubert und festgestellt, dass die Möglichkeiten, mit Hilfe von Propaganda das Denken und Verhalten zu beeinflussen, recht begrenzt sind. Das ist natürlich eine schlechte Nachricht für alle Ratgeber-Bestseller-Autoren sowie Tschaka-Verkaufstrainer und vielleicht spricht sie sich auch deshalb hartnäckig nicht herum.
Ein anderer Grund mag darin liegen, dass fast jeder ein Gegenbeispiel parat zu haben meint: zum Beispiel die je nach Standpunkt als heroisch oder gewissenlos bewertete „Motivationsrede des Feldherren vor der Schlacht“. Angstschlotternde Soldaten mit Frau und Kind daheim verwandeln sich unter ihrem Eindruck in eine blutrünstige, enthemmte und angriffslustige Meute, die nur noch ein Ziel kennt: den Sieg der eigenen Truppe. Ganze Filmbibliotheken in Hollywood sind mit den rhetorischen Nachkommen dieses Typus gefüllt.
Doch selbst im Kinosessel noch ist spürbar, was diese Reden eigentlich leisten: Nicht die Durchsetzung des eigenen Willens gegen einen Widerstand, sondern vielmehr die Verbindung des eigenen Willens mit gleichlaufenden Sehnsüchten der Zuhörer. Sprachwissenschaftlich ausgedrückt heißt das: Diese Redner „argumentieren parallel zu wichtigen Überzeugungen ihrer Zuhörer“. „Macht“ haben solche Reden nur dann und insofern, als sie eine Brücke bauen – über die Redner und Zuhörer einander erreichen und sich zu Gemeinsamkeit in Denken oder Handeln verbinden.
Das beantwortet die zweite Frage: Die Chance zur Macht beruht im rhetorischen Fall auf Empathie, nicht auf Manipulation. Auch beim Rede-Auftritt also ist die „Macht“ geteilt und es gilt, was Shakespeare von der unsichtbaren Wirkweise des Theaters zu berichten wusste: „Den König spielen immer die anderen.“ Ohne Hund kein Herr. Die Hälfte der Verantwortung für rhetorische Wirkung liegt beim Publikum – auch bei dem des Bundespräsidenten.
Und dieses Publikum, weite Teile des Volkes also, sehnen sich in diesen Tagen der Krise mehr nach der Leit-Figur des weisen Vaters als nach der eines Bruders (oder einer Schwester) im Geiste. Der „Leviten-Leser“, wie ihn der „Spiegel“ betitelte, trifft auf eine Zuhörerschaft der offenen Ohren und Herzen. Er darf sich eingeladen fühlen, denn Orientierung steht hoch im Kurs. Wenn Gauck sie gibt – und er wird sie geben – dann wird das sicher Wirkung zeigen, und manch einer wird dies dann als die „Macht der Worte“ verstehen. Doch auch dieser König wird vor allem von den anderen gespielt. Und das kann lange gut gehen – solange eben, wie er nur „den anderen“ ins Gewissen redet. Dort aber, wo seine Worte der Orientierung auch solche der Eindringlichkeit werden, wo der Vater nicht nur Weisheit, sondern Strenge spüren lässt, ist Widerstand absehbar. Alan Posener hat erste Hinweise gegeben.
Allerdings: Auch das ist gut so – für das Publikum, weil es darin zu seinem Eigen-Sinn zurückfindet und verliehene Macht zurückfordert; für den Redner, weil es ihn an die Grenzen seiner Macht führt und in ihm die Ausbildung einer ganz anderen, höheren Qualität väterlicher Autorität befördert, auf die Dauerhaftes besser bauen lässt als auf gewissenstrenge Eindringlichkeit: Güte.
(Erschienen als Beitrag zur Debatte über die “Macht der Rede” beim Verband der Redenschreiber deutscher Sprache.)
“Unaufgeregte, aber kluge Rede”
23. März 2012>
Kommentare der Presse zur heutigen Antrittsrede des Bundespräsidenten:
Frankfurter Rundschau: “Zum offiziellen Amtsantritt hat sich Joachim Gauck ein bisschen kleiner gemacht. Genau deshalb hat er eine große Rede gehalten. [...] Mit Brillanz und Souveränität strafte Gauck all diejenigen Lügen, die ihn positiv oder vor allem negativ auf einen verengten, gar einseitigen Freiheitsbegriff festlegen wollten.”
Financial Times Deutschland: “Deutschland hat einen Bundespräsidenten, der pathetische Worte nicht scheut. Die Zumutungen, die Joachim Gauck für Bürger und Politiker bereithält, verpackt er geschickt in große Worte. [...] Die Erwartungen an Gaucks Antrittsrede waren hoch, und er hat sie erfüllt.”
Focus: “Doch es ist keine Predigt, die er bei der gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat im Berliner Reichstagsgebäude hält. Es ist ein Plädoyer – für den Mut, wider die Angst. [...] Es sind keine mitreißenden, keine leidenschaftlichen 23 Minuten. Gauck spricht ernst und nüchtern – doch damit umso glaubwürdiger. Niemand braucht in Euphorie auszubrechen. Doch der Präsident Gauck kann und will das Land dazu anleiten, mit Mut und Selbstvertrauen in die Zukunft zu schauen.”
Handelsblatt: “Mit einer unaufgeregten, aber klugen Rede hat Joachim Gauck das Fundament für seine Präsidentschaft gelegt. Sein großes Ziel: Die Bürgern sollen wieder Vertrauen in die Politik bekommen und sich aktiv einmischen. [...] Es war keine große Rede, die historische Bedeutung erlangen wird. [...] Und doch war die Rede des neuen Bundespräsidenten zu seiner Vereidigung ein hervorragender Start, der die Hoffnung weckt, dass Gauck der riesigen Erwartungen, die nach der unglücklichen Präsidentschaft von Christian Wulff in ihn gesetzt werden, gerecht werden kann.”
n-tv: “Joachim Gauck ist vorgeworfen worden, in seinen Reden häufig das Wort ‘ich’ zu benutzen. In seiner ersten Rede als Bundespräsident kamen die Wörter ‘wir’ und ‘unser’ sehr viel häufiger vor. [...] Es war vielleicht nicht Gaucks stärkste Rede, manch einem klang sie gelegentlich auch noch zu pastoral. Deutlich wurde aber, dass Gauck ein Bundespräsident sein will, der den Menschen den Stolz auf ihr Land und die Verantwortung für sein Gedeihen wiedergeben möchte.”
Augsburger Allgemeine: “Die Antrittsrede hat gezeigt, dass Joachim Gauck der Bundespräsident sein kann, den das Land braucht. Gauck strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Und er hat die Themen der Zeit erkannt. [...] Gauck ist in seiner Rede den Erwartungen gerecht geworden. [...] Eine Rede, die intelligent, aber nicht abgehoben war; die streckenweise pathetisch anmutete, ohne aber ins Absurde abzugleiten. Und die immer wieder aus dem üblichen politischen Stil ausbrach und um eine direkte Ansprache bemüht war.”
Kölner Stadt-Anzeiger: “Was für ein Präsident. Joachim Gauck hat in seiner Antrittsrede fast alles richtig gemacht – und doch eine erstaunliche Leerstelle gelassen. [...] Der Osten der Republik kam nur in jenem historischen Moment vor, da er sich in der Wiedervereinigung abgeschafft hat.”
Süddeutsche Zeitung: “Joachim Gauck hat zugehört in den vergangenen Wochen, hat Kritik wahr- und ernst genommen. Freiheit ist und bleibt sein Lebensthema. Da sollte sich niemand täuschen. Aber er hat es klug durch die Frage der Gerechtigkeit ergänzt. Wenn er so weitermacht, wird er ein großer Präsident sein können.”
The European: “Wer Politiker-Reden gewöhnt ist, hatte heute im Bundestag einen Freudentag.”
Überzeugender Auftritt
22. März 2012>
Bundestagspräsident Norbert Lammert glänzte bei der Bundesversammlung am vergangenen Sonntag mit einer launigen und – in der Haltung – sehr klaren Rede. Er überzeugte durch Schlagfertigkeit und Humor, redete aber dem Anlass angemessen und sparte nicht an Offenheit und Kritik.
Unter anderem äußerte er die Hoffnung auf eine fünfjährige Amtszeit des neuen Bundespräsidenten. Dass die Amtszeiten in jüngerer Zeit aufgrund von Rücktritten immer kürzer geworden seien, könne niemand für eine Errungenschaft halten, so Lammert. “Wir sollten uns alle bemühen, die politische Realität auch in dieser Hinsicht wieder an die Verfassungsnorm zu bringen”, sagte Lammert unter dem Applaus der Wahlmänner und Wahlfrauen. Der vorzeitige Wechsel im höchsten politischen Amt sei “weder eine Staatskrise noch eine Routineangelegenheit”.
Jenseits der Scham
21. März 2012Joachim Gauck heißt der neue Bundespräsident. Endlich, ist man versucht zu sagen. Denn mit ihm kommt wieder ein Redner ins höchste Staatsamt, der seine Zuhörer mit Worten und Reden begeistern kann. „Mensch Gauck“ titelte Spiegel Online am Wahltag – und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Zumindest ist diese „Menschlichkeit“ eines der Geheimnisse der Person Gauck, auch und gerade als Redner.
Sein besondere Wirkung als Redner – und das hat erneut selbst seine kurze Danksagung nach der Wahl im Deutschen Bundestag gezeigt – rührt, neben seiner rhetorischen Begabung, aus dem besonderen Mut Persönliches zu sagen und dies gekonnt und ansprechend mit gesellschaftlich relevanten Fragen zu verknüpfen. Ohne Scheu berichtet er in seinen Reden aus seinem langen und erfahrungsreichen Leben, auch von Schmerzen und Fehlern. Selbst seiner Tränen schämt er sich dabei nicht – welche Größe, dies öffentlich zu tun.
Der ein oder andere wirft ihm deshalb „Eitelkeit“ vor (die „taz“ zählte sogar schon mal die Verwendung des Wortes „ich“ in einer seiner Reden), und verkennt doch etwas ganz Wesentliches: Für gute Redner kommt es genau darauf an, nämlich die Angst zu überwinden, für selbstbezogen gehalten zu werden. Gute Redner fühlen sich berufen und „wollen“ reden. Sie haben etwas zu sagen – und trauen sich das auch zu. Herausragende Redner sind immer von der Legitimität der eigenen Worte und des eigenen Tuns überzeugt.
Die eigene Persönlichkeit (allerdings nicht zu verwechseln mit reiner, „unverstellter“ Authentizität!) auf einer Bühne zur Geltung kommen zu lassen, sich „zu zeigen“, fällt vielen Rednern – gerade in Deutschland – allerdings unendlich schwer. Zu groß ist die tradierte Angst, als „Selbstdarsteller“ oder „Blender“ gebrandmarkt zu werden.
Und doch liegt gerade hier einer der wichtigsten Schlüssel auf dem Weg zum besseren, zum guten oder gar glänzenden Redner – und zwar genau dort, im Umgang mit Eitelkeit und Scham. Es kommt darauf an – und zwar wohlgemerkt passend zur jeweiligen Rolle – eigene Ängste zu überwinden. Wie sagte auch der Bundespräsident im Interview nach der Wahl? „Angst ist nicht so mein Lebensthema.“ Eben. Joachim Gauck ist jedenfalls zutiefst davon überzeugt, dass er reden „darf“ und dass es wichtig ist, was er zu sagen hat. Das zeigen seine Reden, und das macht Lust auf seine Präsidentschaft.
Im „Befreiten Wort“ heißt es: „Die Grundlage echter rhetorischer Wirkung ist die subjektive Gewissheit. Genau die aber prägt [...] das vorherrschende Bild und den Ton des öffentlichen Redens in Deutschland nicht.“ Das könnte sich nun ändern.
Sprich nur, lies nur, donnere nur
16. März 2012“Du brauchst […] nicht zu wissen, dass eine Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: eine stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und das musst du hören. Nein, das brauchst du nicht zu hören. Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur.”
Kurt Tucholsky (aus: Ratschläge für einen schlechten Redner, 1930)
Präsidiale Redekunst
01. März 2012Kann dieser Präsident reden! Gemeint ist natürlich Barack Obama, der Präsident der USA. Seit Jahren überzeugt er sein Publikum mit überzeugenden und glaubhaften Redebeiträgen. Konsequent und konsistent ist die Rhetorik des amerikanischen Präsidenten insbesondere deshalb, weil er sein politisches Programm stets aus seiner persönlichen Lebensgeschichte ableitet. Und immer öfter, hat man den Eindruck, erlaubt sich dieser Präsident am Rednerpult dezidiert auch das, wovor deutsche Redner oftmals zurückschrecken: Er beweist Humor! Selbstsicher zeigt er Ausschnitte aus dem „König der Löwen“ (sozusagen als sein „offizielles Geburtsvideo“), reagiert sympathisch und spontan auf Pannen und Einwürfe – und fängt nun bisweilen sogar an zu singen.
Bei einer Spendengala in New York intonierte er jetzt den Anfang von Al Greens Soul-Klassiker „Let’s Stay Together“ – und begeisterte die Zuhörer, unter ihnen Al Green selbst. Nach der kurzen Einlage wandte er sich zur Bühnenseite und sagte: „Diese Jungs haben nicht geglaubt, dass ich das tue, Ich habe euch gesagt, dass ich es mache.“ Wen er damit genau meinte blieb unklar, vermutlich seinen Beraterstab.
Sein derzeit schärfster Konkurrent um das Präsidentenamt, der Republikaner Mitt Romney, hat es im aktuellen Wahlkampf jetzt schon schwer gegen den amtierenden Präsidenten – zumindest auf rhetorischer Ebene. Seine Reden „strotzen vor Peinlichkeiten und Plattitüden“ (SPIEGEL ONLINE) und vor allem wenn Romney aus seinem Privatleben erzählt, misslingt das mit beinahe an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. So bilanzierte der Multimillionär beispielsweise lächelnd, 374.000 Dollar für Redeauftritte seien ja wohl „nicht sehr viel“. Eigenbild, Außendarstellung, Rolle – in solchen Momenten passt bei Romney nichts zusammen.
Umgekehrte Verhältnisse in Deutschland: Alt-Bundespräsident Christian Wulff konnte während seiner Amtszeit als Redner nur ganz selten überzeugen, und auch dann gab es immer Kritik. Zu „hölzern“, zu „umständlich“, zu „beliebig“ lauteten oftmals die Urteile über den Redner Wulff. Die taz resümierte sogar etwas bösartig: „Wo Wulff hinredet, da wächst kein Gras mehr.“
Der designierte Bundespräsident, Joachim Gauck, hingegen ist ein glänzender Rhetoriker. Ähnlich wie Obama gelingt es ihm, eine Schnittmenge zwischen Persönlichkeit und Rolle (bzw. zukünftiger Rolle) zu bilden. Auch er berichtet regelmäßig – und sehr bewegend – aus seinem Leben, stellt persönliche Erfahrungen und Entwicklungen in den Kontext von Geschichte, Gesellschaft und Politik.
Wer davon eine Ahnung bekommen möchte, dem sei beispielsweise seine anrührende Rede aus dem „Wahlkampf“ 2010 im Deutschen Theater in Berlin wärmstens ans Herz gelegt. Einen kleinen Eindruck gewährt aber auch schon das kurze Statement, das er anlässlich seiner Vorstellung als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Mitte Februar abgegeben hat. In wenigen Worten erzählt (sic!) er vom eigenen Leben, seiner Freude über die Berufung und Einigung auf einen gemeinsamen Kandidaten, von Verantwortung und von einem Land, das zu lieben sich lohne für seine Bewohner. Und er bringt sein Publikum auch zum Lachen, auch wenn er nicht gleich singt: „Ich bin noch nicht mal gewaschen“ gibt er freimütig zu – können Sie sich diese spontanen Worte aus dem Mund eines Christian Wulffs vorstellen?
Was die beiden präsidialen Redner sonst noch gemeinsam haben, ist auch im „befreiten Wort“ nachzulesen. Kapitel vier trägt den Titel: „Barack Obama und Joachim Gauck: Zwei Persönlichkeiten in der Rolle des Kandidaten für das Präsidentenamt“.
Foto: Stephan Czuratis/Wikimedia
“Hey, you need a speechwriter”
10. Februar 2012>
Wer schreibt eigentlich die Reden von Angela Merkel? Obwohl der Redenschreiber der Bundeskanzlerin in eingeweihten Kreisen durchaus bekannt ist, kennt die breite Öffentlichkeit weder seinen Namen noch sein Gesicht. Diskretion und Verschwiegenheit zählen viel für deutsche Redner. Ganz anders in den USA: Weitaus unbefangener und offensiver gehen Politiker dort mit diesem Thema um. Barack Obama beispielsweise beschäftigt seit Jahren eine ganze Riege von Redenschreibern (allen vorweg sozusagen der “Popstar” der Mannschaft und Top-Redenschreiber Jon Favreau), über die ausführlich berichtet wird, die selbst Interviews geben und regelmäßig über den Entstehungsprozess von Reden Auskunft geben (dürfen).
Erst kürzlich veröffentlichte das Weiße Haus sogar ein Video, das die Redenschreiber bei der Arbeit an der jüngsten Rede zur Lage der Nation zeigt. Natürlich verfolgt das Team um Obama mit der Veröffentlichung auch gezielte Interessen – das Ganze ist zuvorderst nichts anderes als eine PR-Aktion. Dennoch ist es kaum vorstellbar, dass das Kanzleramt demnächst gleichzieht, Öffentlichkeitsarbeit hin oder her. Geschweige denn, dass wir demnächst ein Video sehen, in dem Bundespräsident Christian Wulff mit seinem Redenschreiber an einer Rede feilt.
Dass die Amerikaner kein Problem damit haben, sich beim Reden professioneller Hilfe zu bedienen und vor allem: dies auch zuzugeben, zeigt aber nicht nur das Beispiel Barack Obama. So sollte der Schauspieler und Oscar-Preisträger Denzel Washington vor einigen Monaten die Abschlussrede am College seines Sohns halten (siehe Video) und bekannte nun, dass er schlichtweg zu nervös und unvermögend gewesen sei, seine Gedanken zu Papier zu bringen.
“I’m really working hard, then I realise I’m not really a speechmaker.”, berichtet die britische Musikplattform contactmusic. Washington weiter: “I didn’t know how to put it together. So actually my young agent said, ‘Hey, you need a speechwriter.’ So I actually got the guy who writes speeches for Mayor Bloomberg.” Auf der Bühne sei er schließlich froh gewesen, im Vorfeld professionelle Hilfe in Anspruch genommen zu haben. “I talked about my life and I talked about failing big and falling forward. [...] It seemed like it went over well. They said it was well-received. I guess what else are they gonna say? ‘You suck, we’ll never see you again.’”
Dementsprechend alsbald in einer deutschen Zeitung zu lesen, dass Schauspieler wie Christoph Waltz oder Armin Mueller-Stahl den Redenschreiber von Klaus Wowereit engagiert haben, um eine Rede professionell vorzubereiten – es wäre der Beginn einer neuen Zeitrechnung für Redner und Redenschreiber in Deutschland.

